Wolkenschatten

Der neue Tag bricht ab von dem alten und
Wie seine Stunden aus den Wolken fallen,
Schallt von den Giebeln und Kronen das Flattern
Und Lachen der Nachtigall. Die Nachtigall,
Ein derber Vogel, macht mit Tanz und Umtrunk
Bunt sich dunkle Stunden und wer noch wacht,
Dem wird ein Bild geboten:
Wie sie im Sturzflug und volltrunken aus der Baumkrone
Sich pfeifend in ihr Nestlein kuschelt und
Man darf sagen: Der Vogel pieft ne‘ Runde.

Ich dagegen liege wach unter spätem Sternenlicht,
Das in hohen Morgenwolken Abschied nimmt.
Der neue Tag, noch nicht mehr als ein Glühen,
Ein Blinzeln der Sonne hinter den Hügeln,
Kommt durch die trüben, geschlossenen Fenster
Legt sich zu mir und mit sanfter Stimme sagt er:

„Schlafloser, warum die Sorgenfalten?
Das Wühlen durch Bettzeug und Gedanken,
Herzrasen, kurzer Atem? Sag,
Was kann es wert sein dafür nicht zu schlafen?
Das Knirschen deiner Zähne, der Blick an der Decke,
Sind erschreckend, ich denke, du hast vergessen,
Wie es geht. Sich zu erheben und zu strahlen.
Pass auf, ich erinnere dich.“
Da springt er den Horizont hinauf und weit in den Himmel,
Ruft herunter, vor Stolz triumphierend:
„Das Glück ist mit den Tüchtigen! Der frühe Vogel fängt den Wurm! Carpe diem!“ und weitere, äußerst motivierende Ratschläge.

Nun,… wer nicht viel zu tun hat, ist oft in Eile. Ich verschlafe den halben Tag und beinahe die Einladung eines Freundes. Ein Geburtstag wird gefeiert und dafür lohnt es sich, aufzustehen.
Die Socken von gestern sind noch gut, die Hose bis auf einige Flecken und Risse makellos, T-Shirt, Schuhe, Jacke, Handy, Schlüssel, Portmonee, Tür auf, Tür zu und über mir, in schnellem Wind, marschieren die Wolke, als hätte sie ein Ziel.

Hier unten aber ziehen ihre Schatten leise, über Stadt und Land in Kreisen.
Ihr weites, ruhiges Schweifen läd ein zu Traum und Reise.
Ich denke an Helios und seinen Sonnenwagen, an Aladdin und seinen Teppich.
So mag auch ich auf einem Wolkenschatten, aufsatteln und davon fahren.
Alles stehen, liegen lassen und auf Himmelsbahnen wandeln,
Statt in der Innenstadt über meine eigenen Füße zu fallen.

Ich laufe über den Marktplatz. Kinder rennen Tauben nach, Eltern ihren Kindern und inmitten der Bewegung – steht jemand. Wirbelt die Faust zum Himmel und predigt:

„Alles, was du tust, wird irgendwann Gesetz und
Die Maxime deines Handeln ist eine Skizze für die Welt.
Wenn ein Zahnrad blockiert, stoppt das System und
Wenn es stark genug ist und nicht zerbricht,
Kann es dir Richtung ändern.
Darum müssen wir mit der Gewohnheit brechen und
Unsere Seelen aus dem Halbschlaf wecken.
Groß genug denken, das Gänsehaut uns imprägniert gegen Ängste.
Versuchen, etwas schönes zu berühren und uns daran anzustecken,
Selbst zu werden eine Keimzelle für das Gute und Echte und
Im Namen des einen, der anderen und allen, die wir schon vergessen haben – Amen.“

Er macht eine Pause, holt sich Kaffee und Brötchen und als er wieder anfängt
„Alles, was du tust,…“ komme ich gerade auf der Party an.

Die kleine Küche wie immer viel zu voll, im Wohnzimmer wird zu lauter Musik gekickert, im Garten getanzt und gegrillt und den Sonnenuntergang sehen wir uns gemeinsam von dem Dach aus an.
Wir machen uns mit Tanz Umtrunk bunt die dunkle Stunden,
Lachen laut und kichern leise,
Friedenspfeifen wandern durch den Raum in Kreisen und
Durch die dichte Wolkendecke glänzt ein Blick mir in die Seele.
Eine hübsche Silhouette und angenehme Züge,
Ich setze mich zu ihr und versuche, ein Gespräch zu führen:
„Hallo, mein Name ist und deiner? Wen kennst du hier und ich auch woher?
Ist ja witzig, bin auch allein hier, erzähl, wie geht’s dir und woran denkst du?“

Und Sie erzählt.
Warum Lisa und Erika Streit haben und Jana mit ihrem Freund Schluss gemacht weil er mit einer anderen geschrieben hat und dann hat er sich mit ihrem Bruder geschlagen hat der ihn dann angezeigt hat und dann sind Lisa und Erika ins Kino gegangen und haben sie nicht eingeladen, die sind voll dumm-ey und dann ist sie in einen Club gegangen und da war Janas Ex und der hat sie angemacht und der ist ja eigentlich ganz süß und scheiss ma auf Jana die bitch wollte es nicht anders… „Und du so?“

Und ich so:
– „Öhm… ich denke gerade nach über die Maxime meines Handelns, über Versuchung und Moral, über Verlangen und Verstand… Kennst du Leibniz, Voltaire, Kant?“
– „Ey Alter was laberst du? Cunt, ey! Selber Fotze, du Vollfotze, verpiss dich ma du Keks!“
– „Achwas, Nein, Kant ist doch, ich meine Immanuel Kant. Dein Handeln als Vorlage für die allgemeine Dings, die…“

…und Sie hört nicht mehr zu.
Sie tippt wütend auf ihrem Handy und versinkt darin.
Sie stürzt in das Display und verschwindet darin.
Ihr Sektglas fällt auf den Flokati und wie ein Tsunami reisst sie alle anderen mit sich. Die Party geht im Internet weiter und ich bleibe allein zurück zwischen Nudelsalatresten auf Papptellern, umgefallenen Aschenbechern, halb vollen und halb leeren Bierflaschen.
Schuhe, Jacke, Tür auf, Tür zu, Heimweg und…

Um Straßenlampen zieht leise,
Mein Schatten halbe Kreise.
War doch ein netter Abend und
Wenigstens nicht leise.
Zuhause angekommen höre ich die Nachtigall pfeifen.
Von den Giebeln und Kronen schallt ihr Flattern
Und Lachen. Die Nachtigall, ein blöder Vogel,
Wie sie über die Dächer flaniert und ihre Lieder singt:
„Nachtigall, ick seh dir in Strapsen tanzen!“

So bricht der neue Tag ab von dem alten,
Ich lasse mich in die Federn fallen, wälze durch Bettzeug und Gedanken, knirsche mit den Zähnen, starre an die Decke und werde immer mehr der Meinung ich könnte öfters mal…

Mit der Gewohnheit brechen und meine Seele aus dem Halbschlaf wecken.
Groß genug denken, das Gänsehaut mich imprägniert gegen Ängste.
Aufhören, mich mit Silhouetten abzulenken und negative Denkmuster unterbrechen.
Stärker werden, aber aufhören mich zu drehen um
Damit vielleicht andere zu motivieren.

…und sollte das scheitern,
Kann ich immer noch in Unterwäsche auf’s Dach steigen und
Mit der Nachtigall Duett pfeifen.