Nirwana

 

Steppe

Unter meinen Sohlen knirscht trockenes Moos und zirpende Grillen springen durch das Flimmern über den Boden. Wellen aus Erde, schwer und träge, strecken sich endlos zu einer kargen Wüste. Dort ein Strauch und ein vertrockneter Baum, Steine, Sand und Felsen, immer wieder die gleichen, immer wieder dieselben. Das alles sieht ein bisschen so aus wie ein Ozean, der seine Bewegung verloren hat. Wie ein Korallenriff, auf das ich gelaufen bin, nur das dort, statt einer Anemone, ein Kaktus steht.

Dies ist mein Outback, ich komme her, wenn mir die Welt über den Kopf wächst, ich atme seine Stille ein und sie wird zu meinem Soundtrack. Ich verliere die Welt und mich selbst, vergesse Namen, Sprachen und wer ich gewesen bin, um dann, bei Nacht und Sternenkälte, meine bleischwere Seele federleicht hinauf zu heben. Hoch über das Treiben und Trudeln der Welt, über die Kämpfe und den Ärger, über Lärm und Kalender.
Ich reiche mir die Hände und klettere hinauf die Räuberleiter, weiter über Mondschein-matte Wolkenfelder, rund herum die Sternenbilder, laufe ich auf Milch- und Honigstraßen, ihre Pflastersteine leuchten bernsteinfarben und mein Kopf dreht sich wie eine Kompassnadel, den Kurs zu halten auf meinem Weg hinter den letzten Horizont.

An einen Ort der Entschleunigung und Leere, wo ich auch die innersten Stimmen höre. Ein Ort, der tausend Namen trägt, das Licht am Ende des Tunnelblicks, Alpha und Omega von mir und wie ich noch versuche heraus zu finden, wo ich anfange und aufhöre und wo oben und unten ist, beginnt der Raum um mich zu pulsieren. Jetzt entschuldigt mich, ich muss meinen Verstand verlieren…

Denn da stehe ich tatsächlich auf Garten Edens Engel satten Wiesen, zu Trompeten und Harfen psychodelischer Melodien. Mich umschweben bunte Sonnenstrahlen, die aneinander Funken schlagen und über Lichtjahr weite Traumlandschaften einen Flächenbrand der Blüten tragen. Alles strahlt, glänzt und funkelt im Juwelenregen, ein Lustspiel der Wellenlängen und zwischen Blütenpracht und Engelsliedern finde ich einen dicken Brocken Seelenfrieden. Hier ist das Zentrum, der Nullpunkt und jede Bewegung findet ihren Ursprung im Inferno aus Wasserstoff und Helium.
Empor aus dem Gezeitennebel, steigen Traumgestalten, fremde Wesen, strecken sich wie Leichtathleten, auf die Plätze, fertig, sprinten mir entgegen und verwandeln sich in Phönixschwarm, ich plansche nackt im Sonnenbad aus Supernovas Gammastrahl und was von mir bleibt, ist radioaktiver Abfall mit einem dummen Grinsen. „Aaah…“

…ach, ich sturer Esel, versuche Zauber zu verstehen während mein Jubel und Entzücken über Schöpfungs goldene Früchte, angespült an Kosmos Küste, noch wiederhallt aus Gottes Küche. Welche Düfte greifen mich, mein Herz macht Sprünge, über Magnolien und Rosenbüsche, ich werde high, wie ich ihren Nektar schlürfe.
Alles dreht sich im Kreis, im Kreis, im Kreis, alles ist Eins und ich davon ein Teil.
Vor mir steht der Dalai Lama, gibt mir High Five und sagt: „Schön dass du es geschafft hast. Jetzt entspann dich, Digga, du siehst aus wie Fukushima.“

Es dreht sich langsamer, langsamer, zurück auf Anfang, durchatmen, ein Glas Wasser trinken und es wird wieder Stille, wie ich zurück auf den Planeten sinke. Auf das Korallenriff, was keines ist, in die Wüste, die es nicht gibt und die wie eine Fata Morgana vor mir verschwimmt. Kurz gezwinkert und die Augen gerieben, so werden Wüste und Dünen zu Straßen, Häusern und Türmen und aus bunt gestrickten Sonnenstrahlen werden glattgebügelte Ampelfarben.

Paradies und Ewigkeit wurden annektiert von marschierender Zeiteinheit. Dort ein Baum, eingesperrt in Beton, das Einkaufszentrum, der Bahnhof und die Altstadt, immer wieder die Gleichen, dieselben, so wie überall woanders.
Da laufe ich über Großstadts graue Flächen, von einer U-Bahn in die nächste zwischen Millionen anderen Menschen deren Köpfe schwer von Sorgen hängen.
Mein Puls klingt wie ein Ticken, mein Verstand läuft wie auf Schienen und ich blicke auf die Szene aus der Vogelperspektive. Auf ein Brettspiel, dessen Figuren rastlos hin er ziehen und aus dem Durcheinanderreden sagt jemand zu mir:

„Du musst es zu was bringen!“
Ich frage: „Was muss ich bringen und wohin?“
Da schüttelt er den Kopf, springt drei Felder weiter, stolpert über eine umgefallene Karriereleiter und flucht „So eine Unverschämtheit!“

Ich stehe offensichtlich auf dem falschen Brett, wie ein Läufer auf einem Minenfeld und habe mich selbst Schach gesetzt. Ich bin ein Bauer ohne Felder, ein König ohne Krone und Hofstaat, ich bin ein Pferd, das für ein bisschen Zucker zu traben gelernt hat. Ich galoppiere im Kreis, im Kreis, im Kreis, diese Welt ist zwei für eins zum doppelten Preis. Ich bin Teil einer Gesellschaft, die zufrieden ihren Schwanz jagt, während sie vor dem eigenen Schatten Angst hat! Schach matt. Zwischen Disco und Dispo, neuen Schuhen und noch mehr Schulden, jung im Herzen bleiben und abhärten, Kinder sein und Eltern werden suchen wir das Paradies auf Erden.
Wir sind wie Kinder, die ungeduldig von dem Rücksitz alle fünf Minuten fragen:
„Sind wir schon da?“

Langeweile ist die schlimmste Krankheit der Neuzeit, so viele Menschen haben Angst vor dem Alleinsein und jedem Träumer gegenüber steht ein Wecker in Bereitschaft. Mit dem Kopf noch auf dem Kissen, aber die Füße schon gestiefelt schlürft Generation nach Generation ihren Kaffee im Stehen.
Halb am Schlafen, halb in Ekstase.
Halb zerstören, halb erschaffen.
Halb weinen, halb lachen.
Halb nicht das eine, halb nicht das andere – Halt mich fest, ich falle. Aus allen Wolken, schließe für einen Moment die Augen und…

Mir wird ein bisschen schwindelig, es wird still um mich und nach ein paar Schritten höre ich unter meinen Sohlen den Boden knirschen. Dort ein Strauch und ein vertrockneter Baum, ich laufe und laufe immer weiter geradeaus.
Und wie ich nachts am Lagerfeuer sitze und meine Wunden lecke, mir Tränen aus den Augen wische und mich zu den Sternen strecke, höre ich in meinem Herzen eine Stimme sprechen. Sie sagt:

Das Leben ist ein Kreis, ein Kreis, ein Kreis,
Du steigst ein, gehst auf Reise und machst den Platz wieder frei.
Beeil dich und lass dir Zeit,
Mach was du willst,
Du bist frei.

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