Jenseits

Als die Nacht am tiefsten stand, traf ich einen, der war nicht da.
In einer Seitenstraße lief er um die Bäume, Häuser, Straßenlampen,
Regen auf dem Mantel und das Kinn im Kragen.
Ich kam aus einer Bar, war müde, betrunken und tief in Gedanken.
Er war mit sich selbst beschäftigt, lief vor mir und bemerkte mich nicht.
Er sprach zu sich:

„Alle wissen es am besten!
Aber gestern ist vergessen und morgen in den Sternen.
Den Moment fest an der Kette, gehen sie im Park spazieren.
Naives Volk, so verloren!
Stumpf geschlagen den Verstand an Stahl, Glas und Beton!“

Er spuckte, trat gegen einen Stromkasten und fuhr fort:

„Wann war es am besten? Immer doch gestern
Kurz vor der Erkenntnis. Nun muss neu geschaffen werden,
Mehr als zuvor aus weniger denn je – Ach, wie soll das gehen…“

Er bemerkte mich, blieb stehen, drehte sich um und sprach direkt zu mir:

„Du versuchst dich in einer anderen Richtung und läufst mutig bis
Zur ersten Kreuzung – Dort hast du zwar ein Déjà-vu,
Aber keine Erleuchtung.
Da sagte mal jemand, dass „die Zukunft uns gut ist, wenn wir auf sie zu gehen“.
Pah! Schwätzer. Wer glaubt er zu sein?
Dunst und Nebel sind die Treppen zum Himmel!
Schritt für Schritt neu überlegt und einen Fuß vor den anderen gesetzt.
Ja, ich weiß, wie es geht, aber
Nein, ich mache nicht mehr mit.“

…sagte er, kam näher und flüsterte verschwörerisch:

„Ich will blank und gelöscht sein, wie ein Blatt, leer und leicht sein.
Bin erschöpft, von der Jagd nach Papier, denn
Je mehr ich fange, desto größer wird meine Gier.
Ich bin ein Dieb an meiner Biographie, vertröste größte Träume
Und lebe auf Kredit – Was mache ich hier?
Den Staub der Welt an meinen Kleidern
Habe ich mit Stolz getragen – Nun sind sie gewaschen.
Ich schalte den Kopf aus, bewege, denke, lebe im Rausch.
Zwischen Bleiben und Reisen, Zusammen- und Alleinsein
Bin ich einer wie alle, mit denselben Gedanken.
…bis ich im Feld lieg‘, den Mondschein im Genick.“

Er weinte.

„Ach, was jammer ich? Jenseits von all dem
Ist es doch gar nicht so schlimm.
Geh‘ nach Hause, das tue ich auch.
Morgen müssen wir doch beide
Früh raus.“

Als die Nacht am tiefsten stand, traf ich einen, der war nicht da.
Ich habe wenig verstanden von dem, was er mir gesagt hat.
Vielleicht habe ich auch alles selbst gedacht.
Aber ganz sicher ist mein Heimweg einer
Den ich allein geh‘.

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