flash rip

Ich laufe die Extrameile im Rad, stopf‘ mir die Backen voll Drops und grabe mich in die Sägespäne. Die tropfende Nuckelflasche, das mit Pisse voll gesogene Holzhäuschen, der graue Napf aus glattem Ton, die blank gekaute Stelle im Käfiggitter.
Morgen Nacht bin ich durch.
Übermorgen werde ich denken, dass ich vorgestern dachte, heute bereits seit einem Tag auf dem Weg zurück nach Australien zu sein. Den Kaugummi mit offenem Mund kauend und für den Style Award 2013 nominiert, schleppe ich einen Karton VB zur beach und fläze mich in den glühenden Sand. Jemand spielt Gitarre, ein anderer nickt mit dem Kopf dazu. Dort rollt jemand Pflanzen in Papier, es wird Frisbee gespielt und fette Wellen krachen über das Riff. Es muss Dezember sein an der Central Coast.

Es gibt keine Alternative, dieser Käfig muss brechen. Sehr bald und lange bevor ich mich das letzte Mal in Heu und Watte bette. Ich habe schon meinen Handyvertrag überlebt, jetzt wird es Zeit, auch den Rest des Systems zu stürzen. Der große Umzug, raus aus den Turnschuhen für ein Leben barfuß. Aber was nützt mir ein Leben in der Ferne, wenn ich meine Sorgen mitnehme? Was habe ich davon, wenn ich auf der anderen Seite des Planeten in eine blue bottle trete oder ahnungslos in einen flash rip schwimme, so wie ich hier das Kleingedruckte überlese und manchmal den Wald vor Bäumen nicht sehe? Ich wäre froh für den Moment und würde abheben auf dem Glück, wieder Kookaburras hören zu können. Ich wäre Teil einer neuen Welt und Mitautor einer frischen Geschichte, was mich sehr glücklich machen würde. Aber ich will nicht unter der Endorphindusche stehen, bis mir dir Hormonwerke irgendwann den Hahn zudrehen. Denn der Entzug davon wäre der derbste flash rip schlechthin. Ich will keine Endorphindusche, ich suche die Quelle und bis ich sie gefunden habe, lutsche ich mich eben an gebunkerten Drops glücklich. Solange die Luftbrücke steht und der Vegemite Nachschub nicht abreißt, kann ich ewig so weiter nörgeln und nervös auf Papiere und Unterschriften warten. Mich ewig weiter mit paranoiden Typen und Egomanen rumärgern, Geld verdienen, Geld verlieren… „Schön war’s.“ Schön hier, schön da, schön leck mich am Arsch.

Das ist deutsche Mode, nicht grüßen, nicht grinsen, keinen Millimeter bewegt, nicht umarmen und nur fragen, was ich studiere statt was ich liebe im Leben. Ich will nicht so tun, als wäre es mir egal, wenn sich jemand nach einer halben Stunde Gespräch umdreht und geht, wenn ihr jede meiner Ideen mit „Ja, aber…“ kommentiert, wenn ihr lieber auf Bildschirme schaut statt mir in die Augen, wenn ich auf eure Party komme und begrüßt werde mit „Du hast den Jägermeister geklaut!“

Indem ich all das sage bin ich eine Sprosse weiter auf der Karriereleiter in den Keller, zum mies gelaunten Nachbarn und Pöbelrentner, mit tiefen Sorgenfalten, einer Aura der Angst und auf der Schnellwahltaste das Ordnungsamt. Ist egal. Morgen habe ich das Käfiggitter durch, morgen bin ich auf dem Weg nach Australien. Zu Brian Barnes im Hunter Valley und zu den Wilsons, ich sehe Haydn schon Geige spielen und den kleinen Hund Olli an mir hochspringen. Nach Gosford und in den Rythm Hut, zu Andrew, dem alten Kiffer, dessen millionenschwere Eltern nichts wissen dürfen. Und ich werde wieder trampen, Daumen raus für den nächsten Holden, einen Ute oder einen Truck mit 60t Fruchtfleisch aus Brasilien. Oder einen Laster voll Schokolade auf dem Weg nach Newcastle oder mit dem Fettsammler von Horsham nach Ballarat. Bedeutet, er klappert Restaurants ab und sammelt das alte Kantinenfett ein, daraus wird dann Dünger gemacht und Lippenstifte – Witzige Geschichte, der Typ wurde ohne Geruchssinn geboren, das dürfen aber seine Chefs nicht wissen, sonst würde er gar keine anderen Aufträge mehr bekommen als das Fettsammeln. Wir haben uns über Patrick Süßkinds Parfüm unterhalten und über Magnolienbäumen. Ich habe ihn gefragt, ob er wenigstens besser sehen oder hören könne. Nein, kann er nicht.
Dann der Trip nach Byron Bay. Mich hat ein Drogenkurier mitgenommen, der Marijuana im Wert von 50.000 Dollar in einer Kühlbox von Sydney nach Nimbin fuhr. Sehr netter Kerl, in seiner Freizeit rettet er ehrenamtlich angespülte Define und sonstwelche Meerestiere – und er fährt gerne Motorrad. Was ich mit Rupert Murdochs Sekretär geraucht habe, würdet ihr mir sowieso nicht glauben. Sie sagten, ich wurde tatsächlich grün im Gesicht! Sie, die Clique 60+ jähriger Männer, die gerne mal ihre Ernten vergleichen und dann mit dem bush basher durch das Unterholz heizen. Bin am nächsten Morgen auf einem Pferdehof aufgewacht und bin jetzt im Dorf bekannt als der Typ, der im Boss Anzug mit der Toilette kuschelt. Ja.
Ihr versteht, es ist mir meistens egal, wenn ihr mich nicht grüßt, nicht grinst, euch keinen Millimeter bewegt und komisch guckt, wenn ich euch umarme und frage, was ihr liebt im Leben. Denn morgen, Freunde, haben ich mich durchgenagt – und wenn nicht morgen, dann an einem anderen Tag.

Laufrad, Laufrad, Laufrad, die tropfende Nuckelflasche, das mit Pisse voll gesogene Holzhäuschen, der graue Napf aus glattem Ton mit Trockenfutter und jeden Tag einen Drop aus dem Bunker. Die Gravitation in diesem Land ist tatsächlich erschreckend niedrig, da muss man sich langsam bewegen, leise reden und ausgeglichen in alle Richtungen rempeln, um seinen Platz zu markieren. „Sir, we are surrounded!“ – „Good. Now we can fire in any direction.“ „Ach, lass doch die Deutschen, die sind halt ein bisschen kaputt, dafür haben sie Wirtschaftswachstum!“ Ach, schneidet mir doch die Daumen ab, ich bin größer als das! Ich trainiere in meinem Laufrad – zu Tame Impala, Innerspeaker. Home is, where your heart is. Don’t fear the reaper.

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