Feuer

Ich lief den Korridor Richtung Treppe zu den oberen Verwaltungsräumen und Sekretariat ab. Ich weiß nicht mehr, was ich dort suchte, vielleicht nur den längeren Weg zu den entfernteren Toiletten. Dann wird es ein Matheunterricht gewesen sein, dem ferngeblieben werden musste. Später verzichtete ich auf dieses Alibi und setzte mich bequeme 10 Minuten auf eine Schulhofsbank zur Betrachtung des immer zugewachsenen, immer unbemerkenswerteren Teiches. An diesem Tag aber lief ich den Korridor Richtung Treppe ab und sah eine Gruppe Schülerinnen in Plakatarbeit vertieft, mir fiel die Stille auf. Als ich auf dem Rückweg wieder an ihnen vorbei kam, scherzte ich über die bedrückte, einer „Beerdigung gleichen Stimmung“. Sei denn jemand gestorben? Keine Antwort.
Dann erkannte ich auf dem Plakat, umschrieben von Kondolenzphrasen, das Bild einer ehemaligen Klassenkameradin. Nun völlig ehemalig.

Man sagte, ihr wurde schon vor Jahren das Todesurteil da gelegt und ihre Erwartung auf das Realistischste begrenzt. Sie starb, sei nun tot und bleibe es wohl.
Ich hielt unfähig inne, murmelte etwas, als Frage vielleicht und ging zurück in den Unterricht.

Noch heute denke ich zuerst: trotzdem ging sie zur Schule, nicht etwa auf Flucht und Weltreise. Sie machte weiter, mit dem, was alle anderen taten. In die Schule, durch die Schule, aus der Schule und mehr dummes Zeug, was jugendlich so wichtig ist. Um dessen süßen Unsinn mit bitterem Kern sie mehr wusste wie viele der Menschen ihres Alltages, die sie unwissend ließ.

Meine deutlichste Erinnerung an sie wurde 2006 während einer Mittagspause geprägt, im Stadtgymnasium, auf das ich frisch gewechselt bin. Die neue Schule mit ihren eigentümlichen, einstündigen Mittagspausen von Zwölf bis Eins, in denen ich meist auf ein Bier oder mehr im Raum der Schülerzeitung die zwei anderen traf. Von dem Ostfenster des Raums bewunderten wir den immer schöner werdenden Sonnenaufang, wie er erst durch von Frost geweißte Tannenwälder, dann wärmend über die Stadt hinweg von den Bergen ins Tal floß.
In einer der Mittagspausen, die wir im übrigen als äußerste Zeitverschwendung betrachteten und wenn nicht zu dritt bei Bier, dann mit den Kameraden beim Vandalismus verbrachten, warf das Klassenkind einen schweren, harten Ball blind und ungeschickt. Er traf sie heftig am Kopf.
Sein ratloses, schweigendes Rumstehen, während sie zu Boden ging und gekümmert wurde, provozierte mich über alle Maße. Keine Entschuldigung, keine Sorge, Bestürzung, Bedauern, Regung während sie weinte. Er stand einfach da und murmelte was. Ging dann.
Sie weinte leise und war wieder gefasst, kaum, dass sie stand.
Wie viel mehr sie war, wie wenig wir und wenn wir fühlten, wie naiv.

Rosterberg Sonnenaufgang