Das Haus

Auf dem Schlamm vertrampelten Bürgersteig zwischen Straße und Gartenstreifen riecht es nach nassem Beton und abgerissenem Haus. Das Gebäude wird zurück gebaut, dekonstruiert und abgerissen und hat den Punkt überschritten, vor dem man hätte investieren wollen. Mit ein paar Freunden in alten Klamotten und festen Schuhen, mit Wasserwaagen im Halfter und ein paar Kästen Bier im Keller, wäre unter fröhlichem Pfeifen an den Sommersonntagen aus dem maroden Haus wieder ein wohnlich Heim gebaut.

Doch die Türrahmen sind aus den Angeln gebrochen, der Rigips von den Wänden gefräst, Rohre und Kabel heraus gerissen, das Dach abgedeckt und die Sonnenblumen im schmalen Garten liegen unter Schutt begraben.
Aus dem Mörtel-, Stein- und Tonsplitterhaufen glänzt eine rote Zipfelmütze. Sie gehörte dem aller treusten Gartenzwerg, der hier bei Tag und Nacht, bei Sturm und Kälte stets fröhlich seinen Dienst erwies. Ein Portier der alten Schule, mit Lächeln und Laterne, ein Freund der Katzen und der Gäste, wird ohne Dank und ohne Rente, ohne Umweg auf den Schrott bestellt. (Friede den Zwergen, Schimpf den Paläste!)

So steht das Haus, nackt bis auf sein Skelett, als halb fertig zerstörte Ruine noch über das lange Wochenende und wartet auf die große Birne. Durch die flatternden Plastikplanen zieht mit zunehmender Unfreundlichkeit der mitsommerliche Gewitterwind, der bald seinen Hagel durch die Flure wirft.
Es erinnert mich an die letzten Male, als ich durch das Elternhaus gegangen bin. Vater entschloss sich damals zur umfassenden Renovierung und lies keine Kachel an der Wand und weder Kamin, noch Treppe, wo sie waren. Ich habe das Auseinandernehmen der Hütte begrüßt und als jemand, der mindestens einmal die Woche sagt „Veränderung ist die einzige Konstante!“, habe ich keine Sekunde um die Achtziger-Jahre-rotbraunen Waschbecken oder um die dunkel-gelben Tonfliesen getrauert. Oder um das einfallslos teuer eingerichtete Wohnzimmer mit dem Doppelplattenspieler. Vielleicht ist es ein bisschen Schade um die wuchtige Holztreppe, obwohl sie lackiert und rutschig war, besonders, wenn man auf Socken nur jede zweite Stufe nahm. Vielleicht ist es Schade um die klassische Ding-Dong Türklingel und um die Hängematte auf der oberen Terrasse. Überhaupt ist es schade um die Terrasse, weil man von dort noch den Sonnenuntergang beobachten konnte, wenn schon die Nachbarschaft im Schatten lag. Auch Kirschkerne konnten gut von oben auf die Tischtennisplatte unten gespuckt werden, für das PLING-plingpling, wenn der Kern das Aluminium trifft. Ich erinnere noch heute die Astreihenfolge von meinem Kletterbaum und habe nicht vergessen, wo ich das Glas mit Kleingeld vergraben habe. Neben dem Kompost und dem großen Beet von irgendeinem Kraut, in das Molly, mein Meerschweinchen, gern geflüchtet ist…

Ein Haus ist mehr als Stuck und Mörtel,
Heimat mehr als Dorf und Leute.
Kultur ist mehr als Buch und Bühne,
Gesellschaft mehr als Brot und Prügel.

Freundschaft ist die Wasserwaage,
An die ich mein Leben halte,
Wenn die Welt sich schüttelt, schaukelt und
Einzig gleich das Neue bleibt.
Wenn die Welt verrückt spielt, taumelt und
Man sich ungläubig die Augen reibt.

Mir ist Freund, wer von der Seele spricht und
Schweigt, wenn ihm geflüstert wird.
Ich bin Freund, wem ohne Zögern,
Ein Unrecht aus dem Sitz hoch reißt.

Haus kann mir aus Stein wie Zelt sein,
Ob mit Hering oder Türschild, ist mir gleich.
Doch Heimat kann nie weniger als Freundschaft
Und Kultur nicht ohne Vielfalt sein.
Gesellschaft fängt nicht an und endet,
Kennt keine Trennung zwischen Menschen.
Sie lebt von Streit und Konsens
Und wächst mit jedem Lächeln.