Herr G.

„He who makes a beast of himself, gets rid of the pain of being a man.“
– Samuel Johnson

Ich traf G. an einem der Orte, wo Milch und Honig fließen – und es gibt sehr viele von ihnen. An genau diesem trifft man mich seltener, mein Revier ist woanders, dort brauche ich nicht teilen, dort habe ich meine Ruhe. Aber außer einer Ananas und Kartoffeln war dort an diesem Abend nichts zu holen und über das verlängerte Wochenende wäre ich damit nicht gekommen. G. war ein Fünfziger, lange, aber schüttere Haare unter einer Kappe, auf der er eine Lampe angebracht hatte. Wenigstens seine Schneidezähne fehlten gänzlich, wahrscheinlich war der Rest in dringendem Zustand.

„Ich hatte 20 Unfälle in 10 Jahren. – Schlechtes Karma sagst du? Ha! Ich bin jedesmal ohne eine Schramme rausgekommen! Mit dem Porsche [rot und restauriert] mit 180 in einen LKW, hat auch sofort Feuer gefangen – aber ich bin so raus gelaufen! Ich fahre so schnell, wie ich will. Ist immer gut gegangen… Bis auf das eine Mal mit der Leitplanke… Naja.“
Seine Sprache war besser artikuliert, als man es sich vorstellt, trotz fehlender Zähne lispelte er nicht.
Wir redeten kurz über die Typen in Anzügen und Sportwagen, die es uns gleich taten und die Reaktion der Märkte darauf. Dann die Milchstraße, den Generationsunterschied, verflossene Beziehungen und Partner, die keine mehr sind, das Studium, das Geldverdienen und -verlieren. Er mit seinem Roller und ich auf dem Fahrrad sind wir zu der Bäckerei im Gewerbegebiet für Brot.
Er begann, von seinem Nachbarn zu erzählen. „Die Qualle“, wie er ihn nannte, ist ein feister 200kg-ler, der eine 80 prozentige Behinderung nachweisen kann und regelmäßig ins Fitness Studio geht. Ein manipulativer Soziopath, Demütigungen und Demontage machen ihm Spaß. Er umgibt sich mit debilem Volk, einfachen Charakteren und nützlichen Idioten, er pflegt Kontakte zur Drogenszene und kriminellen Motorrad Clubs in Frankfurt.
Es gab in der Vergangenheit Auseinandersetzungen, gebrochene Nasen, mit denen es vor Gericht ging. Welches gegen G. entschieden hat. Gekaufte Zeugen, verwirrende Aussagen und eine Richterin frisch von der Uni. Keine Chance gegen die Qualle, so überkam G. der Frust und die Sucht, er verbrachte Monate im Dunst und Sumpf.
Bis ein neuer Hausbewohner einzog.
„Ein staatstragender Rechter. Er begrüßt dich zwar nicht mit dem Hitlergruß, aber hantiert gerne mit Waffen. Er mag die Demokratie nicht abschaffen, weil sie ihm dienlich ist. Wenn auch ein Ärgernis, ist es nicht das schlimmste. Ich habe für ihn kein Wort.“
– „Ach, weißt du, so einer bekommt von mir aus eine Schublade für sich, da kann er auch drauf schreiben, was er will. Solange er drin bleibt.“
Er habe G., bekennender Pazifist und Grünen Wähler, gedrillt und gestutzt, Schreie und Schläge für Schneid und Stärke. Ein Monster zu machen aus dem Schlappschwanz, der er war. Hör auf zu weinen, willst du noch mehr? Einmal Nazi und zurück, er zog wieder aus und überließ G. sich selbst.
G. weiß, dass es falsch ist und G. weiß, dass er moralisch verliert, wenn er die Qualle die Treppe runter tritt. – „Aber es reizt, es muss sein!“
Da fiel mir die Keuner Geschichte ein:

Maßnahmen gegen die Gewalt
Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen – die Gewalt.“Was sagtest du?“ fragte ihn die Gewalt. „Ich sprach mich für die Gewalt aus“, antwortete Herr Keuner. Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: „Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt.“
Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:
In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe. Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: „Wirst du mir dienen?“
Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: „Nein.“

Ich erzählte sie ihm und als ich fertig wurde, blickte er schweigend zu Boden.
„Damit lasse ich dich jetzt allein.“, ich sattelte auf und fuhr Heim.
Nun sitze ich zwischen dem von der Abendsonne aufgeheizten Gemäuer, meine Zimmerpflanzen halten die Wärme, es ist 3 Uhr durch. Es sei erwähnt: Diese Geschichte ist wahr – Gegen so viele, die ich erfunden habe. Sie ist doppelt so lang, umfasst 3 Stunden Dialog.

Aber brechen wir es runter auf die Lektion:
Bleib‘ Mensch, auch wenn du mit Monstern kämpfst.
Weil sich das Menschsein sonst verlernt.

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