Nicht satt genug

(1) Sie raucht, ich schreibe Gedichte. Immer nur,
Wenn uns etwas fehlt. Ich fluche, sie versteht nicht weswegen.
Niemals nicht, weil sie doppelt verneint, sondern weil
Sie es nicht einmal versuche. Denke ich.

(2) Wir sind satt, aber woran? Nicht an dem
Halogen gegen warme Felsen und Kapellen bei Nacht,
Nicht an den knackenden Grillfleischplatten.
Am wenigstens am Verständnis.
Gott, haben wir Hunger danach!

(3) Wir sind fast dort, aber haben vergessen, warum.
Der Weg ist zu schön, um ein Ziel im Auge zu behalten.
Wir streichen Zeit in Räume und sagen, Schmand ist Gold.
Wir streiten über dieselbe Meinung aber äußern keine.
Da ist ein Aussichtspunkt, wir halten unsere Augen geschlossen,
und küssen uns.

Stacheldraht

Sie haben dich ins Feld geschrieben, zu Strauch und Distel,
Deine Füße betoniert und die Haare scharf geschnitten.
Steht dir gut,
Wie du pflichtbewusst die Luft zwischen den Nationen siebst und
Unter den Acker bringst, wer seine Sporen nicht verdient.

Stacheldraht,
König der Zäune mit Dornenkrone,
Schlitzer der Hosen und Hoffnungslosen,
Steh’ stramm um unser Vaterland!
Die Schwesterstadt ist abgebrannt und
Hinter dir die Grenze dicht gemacht.
Stacheldraht, werde jetzt nicht schwach!
Zu beiden Seiten kauern die Waisen und warten
Auf den Moment, dich zu schneiden. Bleib’ tapfer,
Schon der Rhetorik zum Trotz und mach dir nichts draus:
Sie würden nicht weniger reden, wärst du doppelt so hoch
Oder gar nicht erst dort.

Stacheldraht, glaube nicht, was du im Fernsehen siehst!
Die Nachrichten sind verlogen wie die Gleise verbogen,
Über die täglich volle Züge rollen.
Wir prügeln uns schon um die Fracht, die niemand haben will!
Die Frage ist: Wohin liefern, wenn im Adressfeld
“so weit fort wie möglich” steht und
Der Absender unbekannt verstorben ist?

Stacheldraht,
Wenn du schon da stehst und Luft siebst,
Dann bitte deine Passanten zum Aderlass.
Wir brauchen Reserven für Transfusionen,
Keinen Exitus intus und vermüllte Wanderrouten!
Denn auch, wenn Sie es nicht wussten, aber
Wir bluten im Inland schon genug –
Dabei sind wir aber am liebsten unter uns.
Ohne der Gott Geliebten im Nacken,
Dem Urteil der Freunde von allen Flanken und
Meinungen in unbekannten Sprachen!
Ach Stacheldraht, dann mach doch,
Was du weder tun, noch lassen kann.

– –

Europa, du Diva.
Wer waren deine Eltern?
Haben sie dir in die Ruinen der Hölle denn kein Bett gebaut?
Haben sie dir aus Blut und Schweiß kein Kleid geweint?
Dich nicht im Staub getauft oder
Dir aus ihrem Rückgrat Brücken über Schrott gebaut?
Dir singt ein Chor Sirenen Morgenlieder, jeden Morgen wieder,
Dass du nicht vergisst und dich erinnerst,
Wovor sie flohen, wenn sie konnten.

Europa, jetzt gehst du wieder!
Wo bist du, wenn nicht in der Heimat? Was machst du,
Wenn du spät aus bleibst? Glaub mir, dein Stier ist bald leid,
Dich über den Schlamm zu galoppieren. Stell dir mal vor,
Du würdest da stehen und zu weißen Füßen aufblicken!

– –

Völker,
Setzt euch locker.
Wir haben genug Kartoffeln und Wein für den Export.
Wir haben Haloumi in der Piñata und frische Mode aus Containern.
Wir drehen Fallschirme aus Brezeln und strecken unser BIP mit aberkannten Titeln,
Wir pilgern in Schleife um Minaretten und drehen Maiglöckchen für den Frieden.
Wir reden gegen Wände, in goldene Kelche und diskutieren aus tiefen Sesseln
Ein Leben in Zelten.

Ein Teil der Welle

Ein Teil der Welle sein, bis die Welle bricht,
An den Strand spült und flacher wird,
In den Körnern knistert und
Für nur ein Augenzwinkern
Still steht
Bevor Sie umkehrt.

Die Mittagshitze hing fest unter dem Himmel und
Schlug Schweiß auf die Lider, als aus den letzten Momenten
Vor dem Tidenwechsel ein Teil der Welle begann
Ihren Körper in Form zu heben – Nein, anders:
Ihre Formen nahmen Körper an,
Holten Schwung um den Sog und
Stiegen aus dem Abstrakten
Den Sandstrand hoch.

Die Kleider Salz starrend, streift
Sie Haare aus den Augen und das Naive von der Seele,
Zieht mit der Verse Äcker, wie Gräber, für Quallen und
Krebse und bricht Holz zu Kreuzen. Milde betrachtet,
Gibt es genug Götzen für jeden und das Gute ist,
Die eigenen sind immer die besten.

Dann Umsturz, blau zu grau zu Wolkenbruch und
Durch dampfende Krater schleift ein Teil der Welle
Ihren Kopfschmerz heimwärts. Sie wirft das Handtuch
Über für ihren Fortschritt über den Rückweg.

Ein Teil sein, bis es bricht,
Angespült und abgefischt wird –
Auf dem Gipfel sitzen, es wissen und
Keinen Unterschied zwischen Form und
Bewegung spüren. Dann, wild lachend,
Ohne Widerstand und Zögern vorn
Über aus der Hyperbel stürzen.
Das ist, wofür ich jede Strecke
Schleife und jede feste Straße meide:

Kurz in den Körnern knistern und
Für nur ein Augenzwinkern still stehen,
Bis die Wellen mich erneut darum bitten
Ernst zu spielen.

Darüber reden

Wir verabschieden uns mit der Begrüßung und
Einer Umarmung ohne Berührung. Drücken uns
Um einander und besprechen mit anderen,
Was wir uns nicht zu sagen haben.

Wir wissen genügend Dinge, über die wir nicht reden und
Zu viel von einander, um etwas daran zu ändern.
Wir treffen uns auf dem kleinsten Nenner, darüber
Zählt nichts, was wir uns schuldig sind.

Nur Schlieren, graue, feine Risse im Klima,
Halten uns wachsam und auf Abstand voneinander.
Der Zigarettenrauch, in Sedimenten, liegt leicht
Auf schweren Themen und verwirbelt in den Gesten.
Wir ziehen, würgen, husten und spucken
Neue Ufer für die alten Kältebrücken.

Wir begrüßen uns für den Abschied, wünschen
Gutes mit Anstand, aber ohne Absicht.
Türauf, Türzu, Schulterblick gehen wir
Entgegen gesetzt nach hause zurück.

Die Garderobe auf dem Armchair,
Schuhe im Flur und mit den Füße Beton schwer duschen;
Drei, fünf, zehn Minuten Kopf nach unten, Zähneputzen.
Dann aus dem Regen in den Nebel treten,
In den Spiegel grinsen und von weißen Schneidezähnen
Blut lecken.